Notensatz mit PriMus 1.1
Im umkämpften Markt der Notensatzsoftware überbieten sich die beiden Platzhirsche Sibelius und Finale jedes Jahr (oder alle zwei Jahre) mit neuen Features, die zwar zweifelsohne nützlich und meist auch zeitsparend sind, aber in immer stärkerem Maße zeigen, dass die Zeit der großen Innovationen auf diesem Sektor längst vorbei ist. Besonders beim Erscheinen von Finale 2011 im Juli diesen Jahres fragte man sich, ob die bis zu 170 Euro für das Upgrade tatsächlich gut investiert sind, oder MakeMusic hier nicht einfach versucht hat, den jährlichen Release trotz Ideenmangel konsequent durchzuziehen.
Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel zu Lilypond verfasst, ein sehr interessantes Satzsystem für Noten. Dabei zeigte sich, dass es hervorragend für einen Zweck geeignet ist, den alle anderen Notensatzprogramme nicht abdecken können: Die Kombination von DTP mit Notensatz, wie sie beispielsweise für das Verfassen von Unterrichtsliteratur, Büchern zu Musiktheorie oder andere Anwendungszwecke unabdingbar ist. Leider ist Lilypond kein grafischer Editor sondern ein System ähnlich wie TeX, das Befehle in Form von Text in den gewünschten Notensatz umwandelt. Damit ist es zum einen nur für technisch versierte Anwender geeignet, zum anderen fehlt dadurch, wie damals schon bemängelt, die direkte Verbindung der Kreativität mit dem Entwurfsprozess.
Bei meinen Recherchen bezüglich neuer Notationssoftware bin ich in diesem Zusammenhang auf PriMus gestoßen, das sich nicht nur als Konkurrenz zu Sibelius und Finale versteht, sondern gleichzeitig, ganz nebenbei, DTP Funktionen integriert. Das war Grund genug für mich, einmal die Demoversion dieser Software herunterzuladen und mich eingehend damit zu beschäftigen. Kann PriMus im Funktionsumfang tatsächlich mit den alteingesessenen Softwaregrößen mithalten? Und wie praxisorientiert sind die DTP Fähigkeiten?
Beim ersten Start präsentiert sich PriMus als eher unscheinbares Programm. Keine hübschen, durchdesignten Knöpfe, keine Papiertextur auf der Arbeitsfläche. Aber wer braucht das schon, wenn die Bedienung stimmt? Versuchen wir also, unsere erste Notenzeile einzugeben. Die Methode der Mauseingabe sollte weder für Finale- noch Sibelius-Nutzer eine große Umstellung sein, ein kurzer Blick in das Tutorial, und man hat es verstanden. Überhaupt wurde offensichtlich versucht, die Mauswege möglichst kurz zu halten, kein unnötiges Herumfahren auf dem Bildschirm, kein wildes Hangeln durch Menüs. Das gefällt mir.
Auch die wichtigsten komplexen Notationen wie Feathered Beams, Balkenverbindungen zwischen zwei Systemen, Tabulatur und Ossiasysteme sind erstaunlicherweise kein Problem. Diese Featureliste war in Sibelius erst ab Version 6 komplett. Hier und da findet man natürlich Kleinigkeiten, die PriMus noch nicht kann, aber: PriMus ist noch ein sehr junges Programm, und bietet in diesem frühen Stadium schon beinahe die komplette Funktionalität eines Sibelius. Das ist erstaunlich. Auch die Qualität des Satzes kann sich sehen lassen. Leider ist der Algorithmus für die automatische Kollisionserkennung weit weniger schlau als in Sibelius. Aber immerhin: Finale hat da gar nichts zu bieten.
Kommen wir zu dem für mich interessantesten Teil des Tests: Die DTP Funktionen. War man bisher für den Entwurf von Unterrichtsliteratur darauf angewiesen, den Text in einem Programm wie Indesign zu setzen und sämtliche Notenbeispiele über den Grafikexport aus Sibelius oder Finale herauszuziehen, so kann man jetzt all das in einem einzigen Programm erledigen. Dass das ein entscheidender Vorteil ist, merkt man bei den bisherigen Lösungen spätestens dann, wenn die importierte Grafik für das vierte Notenbeispiel mal wieder größer skaliert wurde als der Rest, oder man bei einer der Noten das Vorzeichen vergessen hat.
Der Funktionsumfang der PriMus-internen Textverarbeitung ist zwar nicht vergleichbar mit Word und schon gar nicht mit Indesign, ist aber dem Zweck durchaus angemessen. Textblöcke lassen sich frei erzeugen und verschieben, gleiches gilt für Notensysteme (in PriMus “Stücke” genannt). Das ist tatsächlich eine Offenbarung, sind in allen anderen Notensatzprogrammen Texte doch stets an die Notensysteme gebunden, was für textgetriebene Publikationen natürlich denkbar schlecht ist.
Leider gibt es auch einige kleinere Kritikpunkte, insbesondere in Bezug auf das Verschieben von Text- und Notenblöcken sowie das Verformen von Grafikobjekten. Das artet zum Teil in größere Fummelei aus. Hier sollte man eventuell noch ein bisschen mehr Arbeit in das GUI Design und dessen Logik stecken. Meiner Meinung nach (die sich laut Handbuch nicht mit der des Entwicklers deckt) spricht nichts dagegen, einen gesonderten Modus für die Bearbeitung der Blöcke aktivieren zu müssen, und ansonsten durch das Klicken der Maus einfach eine Selektion auszulösen. Mir passiert es beinahe jedes Mal, dass ich Noten in das System setze, obwohl ich es nur verschieben wollte. Ein weiterer Punkt ist die Stabilität, die, zumindest in der mir vorliegenden Demoversion 1.1, nicht immer optimal war. Bei extensivem Bearbeiten von Text stürzte das Programm gelegentlich ab. Hoffentlich hat Columbussoft daran gedacht, in der finalen Version eine Autosave Funktion einzubauen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass PriMus zwar (noch) keine vollwertige Alternative zu Sibelius oder Finale ist, jedoch eine Marktnische abdeckt, für die sich bisher scheinbar niemand interessiert hat: Den DTP-Notensatz. Und das macht es ziemlich gut, so dass man den recht hohen Preis von 349 Euro durchaus hinblättern kann, sofern man die DTP Funktionen auch wirklich braucht. Ansonsten ist Sibelius die bessere Wahl.
Hi Johannes,
danke für deinen interessanten Artikel! Auch ich beobachte PriMus seit einiger Zeit, benutze aber weiterhin parallel dazu Sibelius.
Interessant für jemand, dem DTP-Features egal sind: Die Programmversion PriMus Classic bietet keine Unterstützung von DTP. Sie unterstützt jedoch eine ähnliche Vielfalt an Möglichkeiten wie zum Beispiel Finale Allegro, obwohl dieses fast doppelt so teuer ist.
Das mit der Stabilität von 1.1 stimmt leider. Die 1.0 lief schon mal besser.
–> Einstellungen –> Allgemein –> “Dokument speichern” Dialog –> gewünschte Einstellung wählen.
Zu der Autosave-Funktion kann ich sagen: Ja, die gibt es.
In PriMus muss man sehr präzise mit der Maus agieren, aber wenn man sich an den etwas eigenen Umgang mit der Maus gewöhnt hat, ist man eigentlich recht fix und präzise.
Beispiel:
Linksklick –> Note
Rechtsklick –> Pause
Rechtsklick auf Papier –> Navigieren
Rechtsklick und Linksklick –> Zoomen
Linksklick auf Element + Rechtsklick –> Durchswitchen verschiedener Parameter
Bei so vielen Möglichkeiten mit zwei Maustasten braucht man ein bisschen Eingewöhnung!
Tipp: Immer so nah wie möglich an das Element, das man bearbeiten will, ranzoomen…
Viele Grüße,
Carsten