“Warum (noch) eine Harmonielehre?” fragt Frank Sikora in der Einleitung zu seinem Buch zu Recht. Eine Vielzahl von Büchern beschäftigt sich bereits ausführlich mit diesem Thema, und der interessierte Musiker mag der Meinung sein, dass sämtliche offenen Fragen in der bisherigen Literatur zufriedenstellend beantwortet werden. Leider deckt jedoch die intensive Beschäftigung mit Jazz, Improvisation und der Komposition im Allgemeinen Lücken im persönlichen Bild der Harmonielehre auf, die mit den üblichen Regeln und Tabellen, die viele Autoren offenbar als äußerst informativ und nachvollziehbar erachten, nicht gefüllt werden können. Ebenso fehlt in so gut wie allen Büchern ein adäquater Bezug zur musikalischen Praxis, der eigentlich im Mittelpunkt einer guten Harmonielehre stehen sollte. Was nützt das beste theoretische Wissen, wenn dieses nicht am Instrument oder Notenpapier umgesetzt werden kann?
Nach einem ersten Überfliegen des Buches steht fest: Dies ist nicht die durchschnittliche, anfängerkompatible Abhandlung über Harmonielehre. Hier werden auf den ersten 150 Seiten schon Themen behandelt, die in anderen Büchern nicht einmal im Anhang angesprochen werden. Wer nun glaubt, dass Sikora dafür weniger ins Detail geht als andere Autoren, der irrt: Jede noch so scheinbar unbedeutende Kleinigkeit wird genau erklärt und hervorragend motiviert. Selbst erfahrene Musiker werden erst beim Lesen dieses Buches verstehen, dass sie ganze Teilbereiche der Harmonielehre bisher schlichtweg nicht kannten.
Die Zielgruppe dieses Buches sind tatsächlich nur gut vorgebildete Musiker – Anfänger werden bereits nach den ersten 20 Seiten kapitulieren. Sikora macht es mit seinem hervorragenden Schreibstil und seinem zweifelsohne hervorragenden pädagogischen Talent dem interessierten Leser jedoch leicht, seinen Ausführungen zu folgen. Zahlreiche qualitativ hochwertige Notenbeispiele helfen, die harmonischen Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen.
Auf den ersten 40 Seiten werden die Grundlagen wie Tonsystem, Obertonreihe, Intervalle, Quintenzirkel und die Akkordsymbolschrift wiederholt. Weiter geht es mit detaillierten Ausführungen zu Modalität, Dur-Diatonik, Kadenzen, Skalen und ihre Beziehung zur Akkordsymbolik bis hin zu Modaler Harmonik und Modal Interchange. Bemerkenswert sind auch die mehr kompositorisch motivierten Kapitel zum musikalischen Motiv, Melodiebogen und harmonischen sowie melodischen Rhythmus.
Die verbleibenden 200 Seiten des Buches sind den Themen “Hören” und “Spielen” gewidmet und versuchen – soweit das mit einem Buch möglich ist – eine Beziehung zwischen dem inneren Ohr und dem Instrument herzustellen und sind nicht nur für Pianisten interessant. Auch das Kapitel zur Transkription ist hervorragend geschrieben und so ausführlich, dass keine Fragen offen bleiben dürften. Wer genug Eigenmotivation mitbringt, den werden Sikoras Ausführungen sicherlich einen großen Schritt weiterbringen.
Die Neue Jazz-Harmonielehre ist ein bemerkenswertes Buch – meines Erachtens sogar die beste Wahl zu diesem Thema – und sollte in keinem Bücherregal fehlen. Erfreulich ist auch der geringe Preis des Buches, das kaum mehr kostet als beispielsweise der hochgelobte Haunschild, der auf 150 Seiten jedoch sehr viele wichtige Themen auslässt und meiner Meinung nach vergleichsweise schlecht motiviert ist.