Die Motif XS ist Yamahas Flagschiff Workstation und wurde mittlerweile durch die Motif XF abgelöst, die aber bis auf den eingebauten Flash Speicher keine wesentlichen Neuerungen mitbringt. Seit etwa anderthalb Jahren bin ich im Besitz der XS 7, also der Version mit 76 leichtgewichteten Tasten. Mittlerweile konnte ich mir ein detailliertes Bild von den Stärken und Schwächen dieses Instruments machen und möchte daher in diesem Testbericht ausführlich darüber berichten.

Zunächst ein paar Worte zur Austattung und Verarbeitung der Motif. Die 76er Tastatur mit leichter Gewichtung ist eine der besten, die ich jemals spielen durfte. Sie eignet sich besonders gut für Synth Solos oder zum Orgel spielen. Aber auch Pianos und andere Keyboardsounds spielen sich sehr angenehm, obwohl ich eigentlich sonst ein fast schon militanter Verfechter von Hammermechanik für das Klavierspiel bin.
Das Display der Motif ist ein bisschen klein geraten für eine moderne Workstation. Auflösung, Kontrast und Farbwiedergabe sind leider nicht mehr zeitgemäß, aber es gibt ja selbst heute noch Workstations mit Monochromdisplay, was das ganze wieder etwas relativiert.
Die Controller Sektion besteht aus 8 Kanalzügen mit jeweils einem Fader und Poti in recht professioneller Ausführung. Hier hätte ich mir noch ein paar Knöpfe gewünscht, aber dazu später mehr. Auf der rechten Seite sind sehr viele Taster für die Auswahl von Modus und Sounds, das Bewegen des Cursors, usw. Viele haben eine eingebaute LED und lassen sich gut bedienen. Für die Transport Controls (Start, Stop, Record, etc.) hat Yamaha besondere Taster verbaut, die deutlich größer sind als die anderen Taster und einen geringeren Druckpunkt aufweisen, was für diesen Einsatzzweck sehr sinnvoll ist.
Auf der Rückseite findet man die üblichen Anschlüsse aber leider keine konfigurierbaren Ausgänge zusätzlich zu den Main Outs. Erwähnenswert sind die vielen Pedalanschlüsse, darunter zwei Foot Switches und zwei Expression Pedals. Schade: Keine XLR Outs und der Mikrofoneingang ist als Klinkenbuchse ausgeführt. Hier hätte ich mir eine Kombibuchse XLR/Klinke gewünscht.
Kommen wir zu den Sounds. Die Pianos sind durchweg eher mäßig, das Grand Piano mit seinen 8 Layern klingt dumpf und lässt sich wenig dynamisch spielen. Schade. Deutlich besser schlagen sich Rhodes und Wurlitzer. Eine Katasrophe jedoch die FM Pianos: Hier hat Yamaha leider geschlafen. Die Klassiker fehlen, alle Presets sind wenig präsent und kaum durchsetzungsfähig. Für mich völlig unbrauchbar. Einen sehr guten Eindruck machen hingegen die Orgeln, allerdings sind nicht alle Presets gleich gut und längst nicht alle Orgeln unterstützen die Zugriegelsimulation per Fader. Das hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt. Die akustischen Bässe klingen sehr gut, weniger gut gefallen mir die elektrischen Bässe. Etwas mehr Druck und Klarheit hätte ich mir hier gewünscht. Unbearbeitet klingen sie im Bandmix recht matschig und undefiniert. Beim Durchhören der Streicher fällt auf, dass es allen etwas an Substanz und Textur fehlt. Auch die Breitenwirkung ist verbesserungsfähig. Bei den Blechbläsern reißen mich die Solosounds zwar nicht vom Hocker, sind aber durchaus in der oberen Mittelklasse einzuordnen. Die Sections fügen sich schlecht in den Bandkontext ein. Besser sieht es bei den Holzbläsern aus, hier ist eigentlich fast alles brauchbar. Alle Synth Sounds sind durchaus brauchbar, allerdings sind mir die „analogen“ Sounds zu digital und die Leads zu brav. Hier empfiehlt sich die Anschaffung der beiden Analog Synth Expansions, die wirklich eine exzellente Auswahl an Presets mitbringen. Die Drums sind durchweg gut, aber die Auswahl an Standard Drumsets ist etwas klein bzw. undifferenziert.
Eine Soundkategorie haben wir ausgelassen, und das aus gutem Grund. Denn bei den Gitarren gibt es keine Konkurrenz für die Motif. Akustische Gitarren, Clean Electric, Distorted – hier kann Yamaha punkten. Erstklassige Samples in Kombination mit den hervorragenden Effekten sorgen für den besten Gitarrensound den man in einem Keyboard kaufen kann. Punkt.
Was nützen aber die besten Sounds, wenn die Bedienung nicht stimmt? Und genau hier kommen wir zum größten Problem der Motif Serie. Aber alles der Reihe nach.
Schalten wir die Motif XS das erste Mal an, fällt zunächst die etwas lange Bootdauer auf, die gerade noch so akzeptabel ist. Das Betriebssystem reagiert oft recht träge, was aber in den meisten Fällen nicht stört.
Wie bei vielen Workstations gibt es auch hier mehrere Modi für zum Beispiel einzelne Voices, Performances, Pattern, Songs usw. Dazu kommen aber noch mehrere Submodi, deren Organisation oftmals etwas unlogisch erscheint und eher verwirrt.
Der sogenannte Master Modus ist der Versuch einer Setlist Implementierung und soll besonders für den Live Betrieb nützlich sein. Leider ist er jedoch völlig unbrauchbar, da Sounds beim Umschalten von Presets einfach abgeschnitten werden – das passiert übrigens auch in jedem anderen Modus. Äußerst ärgerlich.
Auf den ersten Blick erscheinen die acht Kanalzüge recht komfortabel, allerdings geht mir die Konfigurierbarkeit der Controller nicht weit genug. Warum kann ich die Fader nur für die Lautstärke der Voice Elemente verwenden und nicht auch für frei definierbare Parameter? Warum gibt es keine konfigurierbaren Taster im Kanalzug? Und warum muss man sich mit den Cursortasten durch die Eingabefelder im Display hangeln um dann mit dem Datawheel den Wert zu ändern, statt einfach jedem Feld einen Poti zuzuordnen?
Damit haben wir auch schon ein weiteres Problem angesprochen. Viele Einstellungsseiten enthalten so viele Parameter, dass man schon alleine zum Ansteuern des gewünschten Felds 12 Mal auf die Cursortasten drücken muss. Es ist fast schon grotesk, wenn man auf seinem 150 Euro Handy mal eben ein Bild mit zwei Fingern vergrößert, um dann auf der 3000 Euro Workstation einen Cursor durch 20 Bildschirmseiten und 15 Eingabefelder durchzumanövrieren. Sorry Yamaha, aber das geht heute gar nicht mehr.
Factory Presets lassen sich nicht einfach ändern oder anpassen, sondern müssen dazu in einem der User Programs abgespeichert werden, von denen es nur 378 gibt (drei Bänke zu je 128). Wer mehr User Sounds braucht, hat Pech gehabt. Überhaupt ist die Verwaltung von Sounds und Samples eine reine Katastrophe. Einfaches Umsortieren? Fehlanzeige. Nur mit dem Software Editor, und selbst dann ist das alles andere als einfach.
Häufiges Szenario: In der Bandprobe muss mal eben ein Split Sound erstellt werden, mit Bass in der linken Hand und irgend was anderem auf der rechten Seite. Sollte ja kein Problem sein. Aber da habe ich nicht mit Yamaha gerechnet: Es ist unglaublich umständlich und kaum unter 2 Minuten hinzubekommen. Zuerst muss man eine uninitialisierte Performance aufrufen oder – falls es keine uninitialisierten mehr gibt – eine zurücksetzen. Dann muss der Sound und die Keyboard Range für Kanal 1 gewählt werden. Als nächstes muss Kanal 2 aktiviert, ein Sound gewählt und auch hier die Keyboard Range festgelegt werden. Und jetzt das Speichern nicht vergessen!
Hat man dann erst mal eine Sammlung von User Sounds zusammengestellt sollte man diese auch auf dem USB Stick speichern. Aber wie? Einzeln ist zu umständlich, und die nächstgrößere Granularität ist eine ganze User Bank. Nächstes Problem: Was mache ich, wenn ich zweieinhalb User Bänke mit Sounds belegt habe, und nun noch 20 Sounds aus einem Expansion Set benötige? Ich muss alle 20 einzeln importieren, denn die ganze User Bank kann ich schlecht laden ohne meine eigene zu überschreiben. Leider passiert das dann aus Versehen doch öfter als einem lieb ist und alle mühsam erstellten Sounds sind unwiederbringlich verloren. Das ist wirklich die Kulmination der Benutzerunfreundlichkeit. Noch dazu dauern Speichern und Laden von Samples fast unendlich lange. Wenn dann ein nervöser Bandkollege schon den Strom ausschaltet…
Na gut, aber einen einfachen Transpose werde ich doch wohl hinbekommen? Von meinem Stage Piano bin ich das gewohnt: Transpose gedrückt halten und Value Up oder Down so oft drücken, wie ich Halbtöne verschieben möchte. Das sollte doch für eine teure Workstation kein Problem sein, oder? Weit gefehlt, hier muss man zunächst mal ins Global Menü wechseln, mit dem Cursor auf Transpose fahren und dann einen Wert eintragen. Kann ich dann wenigstens den Wert direkt eingeben? Nein, natürlich nicht, denn es fehlt eine Zehnertastatur.
Das Eingeben von Texten zur Benennung der Presets ist die reinste Qual. Mit dem Cursor muss man sich durch die Bildschirmtastatur hangeln um jeden Buchstaben einzeln einzufügen. Wenigstens kann man eine externe Tastatur per USB anschließen.
Nun aber mal wieder etwas positives: Das Erstellen von Pattern oder Songs ist recht einfach. Es gibt praktische nichtdestruktive Realtime Modifier (Quantize, Gate, etc.) für jeden Kanal. Sobald man jedoch Audio Spuren aufnehmen will wars das mit der Freude. Jede Audio Spur belegt eine der maximal 16 Spuren, die sich MIDI und Audio teilen müssen. Die Aufnahme erfolgt über den Sampling Modus – ziemlich umständlich und unintuitiv. Der Event Editor von Song und Pattern Modus zur Bearbeitung der einzelnen Note Events ist leider nicht besonders komfortabel.
Die Anbindung an eine DAW (Cubase LE) ist ausgezeichnet. Hier funktioniert alles out-of-the-box und dafür kann man die Motif tatsächlich gebrauchen.
Fazit: Als einziges oder Master-Keyboard für den Livebetrieb ist die Motif völlig unbrauchbar, hingegen gut geeignet als Supplemental für einzelne Sounds. Leider werden die Sounds abgeschnitten, was die Nutzbarkeit deutlich einschränkt. Die DAW Integration ist exzellent, als eigenständige Workstation ist die Motif aber etwas zu umständlich zu bedienen. Gut geeignet ist sie zum Erstellen von Songs, solange man keine Audio Spuren braucht. Die Sounds sind insgesamt von guter bis sehr guter Qualität, insbesondere die Gitarren Sounds und Orgeln. Dazu passt auch die exzellente Tastatur.
Leider ist die Motif Reihe nicht mehr zeitgemäß. Man merkt, dass ein jahrelang bewährtes Konzept mit Kleinigkeiten weiter ausgebaut wurde. Bereits nach dem Motif ES wäre aber ein Neudesign notwendig gewesen. Um weiter konkurrenzfähig zu bleiben, muss Yamaha in Zukunft neue und frische Ideen in den Workstation Markt bringen, wie Korg das unlängst mit dem Kronos vorgemacht hat.